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Penelopes zwei Leben (2021)

Syrien, ja. Autobiografie, nein. Brillant? Natürlich! Die Chirurgin Penelope hat es in ihrer belgisch-heilen Welt noch nie ausgehalten. Stattdessen begibt sie sich Jahr für Jahr in ein Abenteuer als Ärztin ohne Grenzen in Aleppo. Dass sie für diese Herkulesaufgabe ihre Familie, Ehemann Otto und Tochter Helena, zurückzulassen beschließt, stellt Penelope vor die Herausforderung, sowohl ihrem Leben als Ärztin als auch ihrem Leben als Mutter bzw. Ehefrau gerecht zu werden. Ihre Entscheidung, beide Leben leben zu wollen, gestaltet sich schwierig: Als sie heimkehrt, trägt sie in ihrer Tasche ein blutverschmiertes Mädchen mit sich – nur als aquarellierte Einbildung, versteht sich. Die Kinderleiche, die sie (fast) den ganzen Comic hindurch begleitet, zeugt davon, dass sie ihre Erfahrungen im syrischen Aleppo nicht loslassen kann. In wunderschönen, daher umso schrecklicheren Wasserfarben zeichnet die belgische Künstlerin Judith Vanistendael („Kafka für Afrikaner“) die beiden gegensätzlichen Erfahrungswelten. Obwohl die Figurennamen Homers „Odyssee“ entlehnt sind, wird Helena nicht geraubt und errichtet Otto („Odysseus“) kein hölzernes Pferd. Die Reisen der Penelope aber, die sich von ihrer Tochter entfremdet, haben tatsächlich so epische Ausmaße wie die Reisen des Odysseus. Eine Frau steht im Fokus, die mehr als nur Mutter sein will und mit den Rollenerwartungen hadert: Mutter, Ehefrau, Tochter und Schwester. Auf keine leichte Frage findet der Comic keine leichtfertige Antwort. Dieser Beitrag erschien zuerst in der Multimania #83 (2021).

Judith Vanistendendael: Penelopes zwei Leben. Reprodukt 2021.

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