›Der Große Ompel‹. Kartografie und Topografie in Zamonien

»Der Große Ompel«. Kartografie und Topografie in den Romanen Walter Moers‘

von Gerrit Lembke

Zamonien: Gerrit Lembke über die Karten in den Romanen von Walter Moers (2011)

In den Kulturwissenschaften ist seit den 1970er Jahren im häufigen Wechsel der sich in einer Vielzahl von turns manifestierenden Paradigmen auch der ›Raum‹ als zentrale Kategorie literarischer Produktion und Rezeption in den Fokus des Faches gerückt. Schon vor der begrifflichen Prägung als spatial oder topographical turn ist dieser durch die strukturalistische Raumsemantik Jurij M. Lotmans als Gegenstand und Beschreibungsinstrument in die Literaturwissenschaft eingeführt worden; und seit den 1980er Jahren ist geradezu eine »Renaissance des Raumbegriffs in den Kultur- und Sozialwissenschaften« (Bachmann-Medick 2006, 286;) zu beobachten, die in der anglo-amerikanischen Forschung auf wesentlich mehr Resonanz trifft als im deutschsprachigen Raum. Im Zuge des spatial turn sind etwa die Versuche Franco Morettis zu sehen, den europäischen Roman in Karten zu visualisieren. Jüngst hat die Dissertation Narratologie des Raumes (2009) von Katrin Dennerlein einen umfassenden und interdisziplinären Überblick über strukturalistische bis kulturwissenschaftliche Adaptionen verschiedener Raumkonzepte insbesondere für die Narratologie geliefert. Die Aufmerksamkeit eines kulturwissenschaftlichen spatial turn geht in ihrer Reichweite weit über das hinaus, was in diesem Aufsatz geleistet werden soll. Im Gegensatz zu kontextorientierten Projekten liegt diesem Beitrag ein eher poetologisches Interesse an der sprachlichen und ikonischen Erzeugung der dargestellten Welt zugrunde.

Die Bedeutung von Karten in literarischen Texten als spezifische Art von Paratext ist bisher nicht systematisch untersucht, sondern meist nur en passant gestreift worden; Katrin Dennerlein spart den Bereich graphischer Raumgestaltung etwa ganz bewusst aus. Einführungen in den Komplex ›Kartographie und Literatur‹ bieten zum Beispiel Robert Stockhammer, Annegret Pelz und Sigrid Weigel.*

Nahezu jedem narrativen Text liegt eine Topographie zugrunde, die sich meist nur in der Imagination des Lesers konstruiert. Es gibt aber literarische Fälle, in denen sich die Karte auch realiter in Form von Abbildungen manifestiert. Genres, in denen dies bevorzugt der Fall zu sein scheint, sind Reiseberichte und Kriegstexte (z. B. Paul Coelestin Ettighoffer: Verdun, 1936), historische Kriminal- (z. B. Umberto Eco: Il nome della rosa, 1980) sowie Fantasyromane (z. B. J. R. R. Tolkien: The Lord of The Rings, 1954f.). Mit diesen literarischen Gattungen sind verschiedene poetische Funktionen verbunden: Im Fall der Reise- und Kriegsnarrationen dient die Kartographie als ein Mittel der Authentifizierung des Erzählten, so dass solche Kriegserzählungen, die sich im Untertitel oder Klappentext weniger offensiv als authentisch (oder sogar als fiktional) verkaufen, dementsprechend seltener mit Karten versehen sind. In Kriminalromanen kann eine solche Authentifikationsfunktion mit weniger Recht angenommen werden, schließlich ist das Genre ein ›klassisch literarisches‹ und behauptet in der Regel keine außertextliche Referenz. Betrachtet man einige solcher Romane, die mit Karten versehen sind, fällt eine deutliche Konzentration in den Subgenres der historischen Kriminalromane ins Auge. Da dem Leser des Kriminalromans die Rolle des Detektivs nahe gelegt wird, sind die Karten Teil der Spuren, deren der detektierende Leser zur Lektüre-Ermittlung bedarf, so dass als Kartenfunktion die Orientierung des Lesers im Vordergrund steht. Die dritte literarische Textsorte, innerhalb derer die Implementierung von Karten gebräuchlich ist, sind Fantasyromane. Hier wird einerseits eine Orientierungsfunktion erfüllt, da es dem Leser an dieser angesichts eines fremden und mit unserer Welt inkompatiblen Kosmos an Räumen und Zeiten notwendigerweise fehlt. Darüber hinaus trägt das Artefakt der Karte zur Komplettierung eines Kosmos bei: Eine Welt wird glaubwürdiger, wenn sie auch kartographisch erfasst ist. Außerhalb dieser weniger systematischen als vielmehr heuristischen Kategorisierung ist eine vierte Funktion zu ergänzen, die in der Problematisierung der Referentialität sprachlicher wie ikonischer Zeichensysteme besteht, insofern nicht nur verschiedene Stimmen, sondern auch verschiedene Zeichensysteme (Schrift und Bild) zueinander in Konkurrenz treten.

In diese beiden letztgenannten Klassen werden auch die Romane Walter Moers’ einzuordnen sein, die zwar der phantastischen Literatur zugehörig sind, und, wie zu zeigen sein wird, zugleich der Inventarisierung einer imaginären Welt dienen, aber auch und vor allem den Status von Zeichensystemen selbstreflexiv problematisieren, insofern sie weniger eine referentielle, sondern vielmehr eine metasprachliche Funktion erfüllen.

Da Kartenbildung als mentaler Prozess Teil jeder Lektüre von Texten mit räumlich organisierten Welten ist, bleibt zu fragen, warum Moers’ Romane eine solche explizite Visualisierung vornehmen, anstatt sie der Imagination des Lesers zu überlassen. Die literarische Karte zeichnet sich stets durch eine doppelte Referenz aus: Während eine Wirklichkeitsreferenz bei Karten in Fantasytexten keinerlei Rolle spielt (im Gegensatz zu realen Karten), steht bei Moers das Verhältnis des kartographischen zum narrativen Weltentwurf im Zentrum. Die Karten repräsentieren keine realia, sondern unterstützen die narrativ angeregte Imagination des Lesers.

* Vgl. Robert Stockhammer: »AN DIESER STELLE.« Kartographie und die Literatur der Moderne. In: Poetika 33 (2001), S. 273^–^306; ders.: Kartierung der Erde. Macht und Lust in Karten und Literatur. München 2007; Annegret Pelz: Karten als Lesefiguren literarischer Räume. In: German Studies Review 18 (1995), H. 1, S. 115–129; Sigrid Weigel: Zum ›topographical turn‹. Kartographie, Topographie und Raumkonzepte in den Kulturwissenschaften. In: KulturPoetik 2 (2002), H. 2, S. 151–165.

 

Bibliografische Angabe:
Gerrit Lembke: »Der Große Ompel«. Kartografie und Topografie in den Romanen Walter Moers‘. In: Walter Moers‘ Zamonien-Romane. Vermessungen eines fiktionalen Kontinents. Hg. v. Gerrit Lembke. Göttingen 2011, 87–119.

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