Lion Feuchtwangers ›Jud Süß‹

FeuchtwangerKai Merten hat es sich in seinem Vortrag über Walter Scott erlaubt, dessen Popularität anhand der Größe der Denkmäler, die Scott gewidmet sind, zu demonstrieren. Das  Scott Monument in Edinburgh hat eine beeindruckende Höhe von 61,11 m, wohingegen selbst das Goethe-Denkmal in Berlin mit lediglich etwa 6 Metern verhältnismäßig bescheiden ausfällt. Natürlich ist es unfair, Marmor, Stein oder Granit in Metern oder auch in Kilogramm zu messen, um dann Dichter nach dem Motto ›Wer hat das größte Denkmal?‹ gegeneinander antreten zu lassen – schließlich können sie nichts dafür, was man aus ihnen macht. Es ist aber ein spannendes Indiz dafür, welche Geltung ein Schriftsteller oder ein Werk nach seinem Ableben erfährt. Für Feuchtwanger fiele ein solcher Vergleich katastrophal aus, und zwar sowohl in Hinblick auf das Gewicht seiner Denkmäler als auch in Hinblick auf deren Größe: Abgesehen von einer geradezu schüchternen Gedenktafel am Berliner Wohnhaus von Feuchtwanger ist das prägendste Beispiel von Feuchtwangers ikonischem Nachruhm eine Briefmarke, die Gerhard Stauf 1974 als Sondermarke für die Post der Deutschen Demokratischen Republik gestaltete. Im Gegensatz zu den architektonischen Prunkstücken zu Scotts oder Goethes Ehren kommt die winzige 35-Pfennig-Briefmarke (27,5 x 33 mm) recht mickrig daher. Und auch die Nachbarschaft, in der Feuchtwanger sich dort befindet, zeugt weniger von seinem Ruhm, sondern stellt ihn in eine lange Reihe von DDR-Gesichtern, die heute fast völlig vergessen sind: Edwin Hoernle, Etkar Andre, Paul Merker, Hermann Duncker, Fritz Heckert, Wilhelm Florian, Georg Handke, Rudolf Breitscheid, Kurt Bürger, Carl Moltmann, Gustav Robert Kirchhoff oder Ehm Welk.

Aber da ist nicht nur diese Briefmarke, die dem Namen Feuchtwanger Präsenz im öffentlichen Leben verschafft hat – sein Name prangt in einigen deutschen Städten an Straßenschildern – längst nicht so oft wie Goethe, Schiller oder Lessing, aber immerhin in acht deutschen Städten, allerdings nicht etwa in Hamburg, Frankfurt oder München, sondern in Zwickau, Stralsund oder Osnabrück, also weniger in den Metropolen der Republik, sondern in der geographischen Peripherie – und dort auch nicht an den schönsten Plätzen. Immerhin haben die Namensgeber in Osnabrück ein gewisses Gespür bewiesen, als sie die Lion-Feuchtwanger-Straße in direkter Nachbarschaft zu Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Alfred Döblin oder Heinrich Mann situierten. Das hätte Feuchtwanger sicherlich gefallen – weniger schmeichelhaft allerdings, dass es sich um eine Sackgasse handelt.

Die Briefmarkenserie nun, könnte man abschätzig formulieren, ist für die Nachgeborenen ein Archiv derjenigen, die in der DDR-Historiographie eine wichtige Rolle einnahmen oder deren Engagement ideologisch begrüßenswert schien, und die nun, nach 1990, als Verlierer vom Schlachtfeld der Geschichte abgetreten sind: Namen, die keiner mehr kennt. Feuchtwangers DDR-Karriere hat bereits 1953 mit der Verleihung des hochdotierten Nationalpreises der DDR 1. Klasse begonnen. Dabei hat Feuchtwanger nie in der DDR gelebt. Nach einer Vortragsreise ins Ausland Ende 1932 kehrte er nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern verblieb zunächst in Frankreich, 1941 schließlich ging er ins US-amerikanische Exil, wo er bis zu seinem Tode 1958 lebte. Die Vereinnahmung Feuchtwangers durch die DDR lässt sich durch sein Sympathisieren mit dem Sozialismus erklären, das er nicht zuletzt in seinem Reisebericht Moskau 1937 zur Schau stellt. Insofern hat Feuchtwanger mehrfach eine unglückliche Figur abgegeben, weil er in politischer Hinsicht niemals zu den Siegern der Geschichte gehört hat: Seine Rezeptionsgeschichte ist nicht nur 1933 nachhaltig gestört worden, sondern ebenso 1945 und 1990, also immer wenn die politischen Umstände sich änderten und das symbolische Kapital neu verteilt wurde. So ist Feuchtwanger aus dem Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit während der Weimarer Republik in die literarische Peripherie der Bundesrepublik verdrängt worden.

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