Jens Genehr – Valentin (Golden Press 2019)

GoldenPress_Valentin_01-1-1080x1406Während Raymond zusammen mit 106 anderen Bewohnern von deutschen Wehrmachtsoldaten aus dem ostfranzösischen Dorf Murat deportiert wird und in dem kommenden Jahr Zwangsarbeit in einer Bremer U-Boot-Bunkerwerft leisten muss, erlebt der Polizeiangestellte Johann Seubert zur selben Zeit, am selben Ort, eine andere Wirklichkeit. Diese beiden Perspektiven auf die deutsche Geschichte hat Comic-Debütant Jens Genehr nun in „Valentin“ zusammengebracht: „Die nun folgende Geschichte ist bitter, ohne Zucker.“

Bremen, 1944. Johann Seubert ist ein provinzieller Tausendsassa mit fliehendem Kinn und NS-typischer Frisur. Als leidenschaftlicher Fotograf hat er sich für die NS-Bewegung spätestens ab 1933 begeistern lassen und Veranstaltungen der NSDAP mit seiner Fotokamera begleitet. Als die Marine bei dem linientreuen Kleinbürger klingelt, um ihn von einem Fotografie-Projekt zu überzeugen, willigt Johann schnell ein. In den kommenden Monaten wird Seubert das Bunkerwerft-Projekt in Bremen-Farge fotografisch und filmend begleiten.

Murat, 1944. Nachdem die französische Resistance in dem von der Wehrmacht besetzten Dorf einen deutschen Offizier niedergeschossen hat, rächen sich die Soldaten, indem sie die Bewohner des Dorfes in das Konzentrationslager Neuengamme und dann weiter in das Arbeitslager Bremen-Farge deportieren. Unter diesen befindet sich auch der 18-jährige Raymond Portefaix, der seine Erlebnisse später in dem Buch „Hortensien in Farge“ niederschreiben wird.

Die Wege des Deutschen, der von dem Bauprojekt profitiert, und des Franzosen, der in dem Arbeitslager unbeschreibliches Leid erfahren muss, kreuzen sich nicht. Welten liegen zwischen ihnen, obwohl sie auf derselben Baustelle arbeiten. Genehr schildert im Wechsel die beiden so unterschiedlichen Perspektiven: die bedingungslose und naive Begeisterung über die Ingenieursleistung einerseits, das Leid der Zwangsarbeiter zahlreicher Nationen andererseits. Die über 900 Fotos, die heute von Seubert überliefert sind, zeigen die technische Seite des Bunkers, Raymond Portefaix die menschliche oder vielmehr die unmenschliche. Die Quellenlage, auf die dieser Comic basiert, könnte also kaum unterschiedlicher sein. Weiterlesen auf Comic.de.

Bibliografische Daten „Valentin“

Jens Genehr: „Valentin“.
Golden Press, Bremen 2019.
240 Seiten. 32 Euro
Verlagshomepage

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