Jeff Lemire – Doctor Star (Splitter 2019)

lemire_starer letztjährige Rummel um Lemires Black Hammer und dessen wucherndes Spin-off-Universum hört nicht auf. Nach Sherlock Frankenstein kommt nun Doctor Star auf den deutschen Markt.

Die Entstehungsgeschichte von Jeff Lemires Black Hammer geht bis ins Jahr 2007 zurück, als der kanadische Autor und Zeichner seine Idee bei Dark Horse vorstellte, dann aber zugunsten der Arbeit an Essex County, The Nobody, Sweet Tooth und weiteren (ziemlich brillanten) Comics und Comicserien zurückstellte. Im Juli 2016 erschien endlich der erste Teil, und seitdem geht das Black-Hammer-Universum durch die Decke wie einst der Aktienkurs von Netflix: Sherlock Frankenstein, Quantum Age und Cthu-Louise sind bisher erst teilweise in Deutschland erhältlich, Black Hammer ’45 wird in den USA erst im März 2019 erscheinen. Mit Doctor Star, dem zweiten Spin-off nach Sherlock Frankenstein, erwartet die Leserinnen und Leser ein Juwel der Spin-off-Produktion.

Zunächst zum Kontext: In Black Hammer geht es um eine Ex-Superheldenclique, die nicht weiß, wo sie ist. Oder wieso. Oder wie sie diesen öden Ort, der wie der Mittlere Kleinstadtwesten der USA ausschaut, wieder verlassen kann. Die sechsköpfige Patchworkfamilie weiß nur, dass es dort, wo sie leben, stinklangweilig ist (mehr dazu hier). Das sind keine typisch-heroischen Probleme (wie rette ich die Welt?), vielmehr ist es charakteristisch für Lemire, die menschlich-heroische Doppelidentität der Superhelden als eine Chiffre ihrer Zerrissenheit zu interpretieren. Menschen, die keine Helden sind. Helden, die nicht mehr sind als Menschen. Der Vergleich mit Alan Moores Watchmen liegt nicht allzu fern, natürlich nicht, aber darum geht es hier nicht.

Doctor Star erschien in vier Heften zwischen März und Juni 2018 bei Dark Horse und stellt eine Randfigur des Black-Hammer-Universums in den Fokus: Der Astrophysiker James Robinson wird 1941 von der Regierung beauftragt, die mysteriöse „Parazone“ zu finden, einen Raum zwischen den Dimensionen, der Reisen durch Raum und Zeit zu ermöglichen scheint und in der Hauptserie eine erhebliche Rolle spielt. Er macht Fortschritte mit seinen Raum-Zeit-Reisen, und so kämpft der junge Familienvater als furchtloser Doctor Star in Europa gegen die Nazis. Ziemlich cool, findet zunächst auch sein Sohn Charlie, bis Papa 1951 auf der Suche nach intelligentem Leben einer zeitlichen Verzerrung ausgesetzt wird und erst nach 18 Jahren zurückkehrt. Eine Rück-, aber keine Heimkehr. Seine Frau fühlt sich (nicht ganz zu Unrecht) von ihm verlassen und vegetiert in Gesellschaft diverser Spirituosen in einer Bungalowruine vor sich hin. Sein Sohn Charlie, ist in den Vietnamkrieg gezogen und möchte von seinem Vater nichts mehr wissen. Ein schönes Beispiel für echte Tragik – James Robinson scheitert trotz bester Absichten kolossal. Was für eine Hybris, wenn er geglaubt hat, er könne nach den Sternen greifen, ohne dafür einen Preis zahlen zu müssen. Zur vollständigen Rezension auf Comicgate.de.

Bibliografische Daten

Doctor Star und das Reich der verlorenen Hoffnung
Splitter, 2019
Text: Jeff Lemire
Zeichnungen: Max Fiumara
Farben: Dave Stewart
Übersetzung: Katrin Aust
128 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 978-3962190392

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