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Der Kaiser im Exil

Nimmt man den Kaiser seine herrschaftlichen Accessoires, entpuppt Seine Nacktheit sich als genauso wenig instagramable wie unsereiner. In „Der Kaiser im Exil“ schildert Jan Bachmann die Erlebnisse Kaiser Wilhelms II. während des Zusammenbruchs der Monarchie vom Herbst 1918 bis ins Frühjahr 1920. Nach seiner Abdankung geht Wilhelm II. ins niederländische Exil. Auf Schloss Amerongen verbringt er nicht nur die vereinbarten kommenden drei Tage, sondern Wochen und schließlich sogar Monate. Besonders gern vertreibt er sich die Zeit mit Holzhacken.

Das Szenario beruht auf verschiedenen Memoiren, und die dem Kaiser wohlgesonnenen Stimmen schildern den Kaiser in den Fraktur-Captions so empathisch, dass der Kontrast zu den verschrobenen Zeichnungen umso mehr ins Gewicht fällt. So etwa, als ein Beobachter die Schönheit der Schlösser schildert, während wir die Kriegsinvaliden durch die Panels humpeln sehen. Jan Bachmann lässt die kaiserliche und die bürgerliche Welt auseinanderdriften, denn während Deutschland im Chaos versinkt, kümmert die Entourage des Kaisers sich um Geschirr, standesgemäße Abendkleidung und Speiseeis.

Wilhelms „Filterblase“ würde man das heute nennen. So grotesk wie diese Diskrepanz sind auch die völlig realitätsentrückten Zeichnungen Bachmanns, die sich ins Gedächtnis einbrennen. „There’s beauty in the struggle, ugliness in the success“ steht dem Comic als Motto voran: Das Scheitern Wilhelms hat wenig Größe, umso mehr wäre diesem Comic ein Erfolg zu wünschen. Diese Rezension erschien in der Comixene 139 (Juni 2021).

Der Kaiser im Exil
von Jan Bachmann 
HC • farbig • 160 Seiten • € 32,00 • Edition Moderne

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