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Bella Ciao (2021)

Seit dem spanischen Überraschungserfolg der Netflix-Serie „Haus des Geldes“ gehören orangefarbene Outfits zur Haute Corture des Karnevals – und das Partisanenlied „Bella Ciao“ zum popkulturellen Kanon des Partyliedguts. Der französische Comic-Künstler Hervé Barulea (besser bekannt als Baru) führt das Lied zurück zu seinen Wurzeln – und stellt in diesem Zuge alles in Frage. Baru dekonstruiert den Mythos um die politischen Ursprünge des Liedes, ohne dadurch selbst etwa unpolitisch zu werden. Schon der schwarz-weiß aquarellierte Prolog führt die Leser in medias res in einen fremdenfeindlichen Vorfall Ende des 19. Jahrhunderts, Ausdruck der Bedrohungen italienischer Arbeiter durch französische Bauern. Dieser Auftaktband ist eine wundervolle Collage von fiktionalen Episoden, echten Lebenszeugnissen, Auflistungen und Fußnoten, die sich insgesamt der Darstellung der Arbeiterklasse verschreibt, zerfällt dabei aber nicht in klischeehafte Mythenbildung. Der Autor und Zeichner Baru, dessen großartiges Werk nur auszugsweise auf Deutsch verfügbar ist („Autoroute du Soleil“, „Die Sputnik-Jahre“), gehört zu den wichtigsten Comic-Künstlern der Gegenwart. Hinter „Bella Ciao“ verbirgt sich kein spannender Comic und keine leichtgängige Lektüre mit verkitschter Außenseiterromantik. Kurzum: „Bella Ciao“ ist eine Empfehlung wert. Der Beitrag erschien zuerst in der Multimania #83.

Baru
Bella Ciao (Uno)

Edition 52, 2021, Hardcover
136 Seiten, 20 Euro

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