American Jesus 1 (Panini 2020)

Gerrit Lungershausen und Christian Muschweck haben mal wieder zugeschlagen. Diesmal haben sie sich den ersten Band von American Jesus (Mark Millar und Peter Gross) ganz genau angesehen.

americanjesusChristian: Okay, lass uns über American Jesus von Mark Millar und Peter Gross reden. In der Story geht es um den zwölfjährigen Jodie Christianson (JC), der einen völlig unmöglichen Unfall mit einem Truck überlebt und danach erfährt, dass er der wiedergeborene Jesus Christus ist. Bald stellt er fest, dass er außerordentliche Gaben besitzt. Auf einmal kann Jodie, der bisher keine Leuchte in der Schule war, Wissen abrufen, das er nie gelernt hat. Bald kann er das ganze biblische Programm abspulen: Heilen, Wasser in Wein verwandeln und so weiter. Das ganze macht mich vor allem deswegen stutzig, weil der Autor dieser Heilsgeschichte, die im schönsten Stephen-King-Stil erzählt wird, Mark Millar ist. Denn Millar ist ein Schaumschläger vor dem Herren. Er hat ja schon damals bei Kick Ass hoch und heilig versprochen, er wolle von realistischen Superhelden in einer realen Welt erzählen, und dann war Kick Ass so comichaft und überdreht wie nur was. Von daher traue ich seiner christlich-fundamentalistischen Prämisse nicht über den Weg. Wenn er nun für sein erstes American-Jesus-Paperback gleich zwei katholische Ordensbrüder je ein Nachwort schreiben lässt (in der Panini-Übersetzung ist davon nur eines übrig geblieben), dann sehe ich darin sofort einen Bluff. Bin ich zu misstrauisch, Gerrit? Millar betont zudem sehr, sehr deutlich seine eigene Verbundenheit zu der bodenständigen katholischen Kirchengemeinde aus seiner Jugend. Da ist doch was im Busch, oder?

Gerrit: Ich bin mit Millars Werk nicht besonders vertraut, wahrscheinlich zu Unrecht, weil ich mich sowohl bei Chrononauts als auch bei Kick-Ass gelangweilt und dann die prominenten Titel der “Millarworld” einfach ignoriert habe. Mich interessiert die Grundidee von American Jesus. Weil die Rückführung des Konzepts der Superhelden auf die Heroen der griechischen Antike so ein fester Topos im Comicdiskurs ist, finde ich christliche Parallelführungen ganz spannend. Am prominentesten und erfolgreichsten hat dies der irische Autor und Zeichner Sean Gordon Murphy mit Punk Rock Jesus gemacht (übrigens der Zeichner von Millars strunzlangweiligem Chrononauts). Die Christuslegenden bieten einen zeitlosen und sehr anpassungsfähigen Stoff: Christus als Reality-TV-Punk bei Murphy, als Rockstar in Andrew Lloyd Webbers Musical Jesus Christ Superstar oder eben als Superheld wider Willen bei Mark Millar. Das Konzept von Millars American Jesus erinnert mich in gewisser Weise an Kurt Busieks im gleichen Jahr, nämlich 2004, publizierten Comic Secret Identity: Hier wie dort wird die Superheldenidentität von außen auf die Figur projiziert. Zur vollständigen Rezension auf Comicgate.de.

Bibliografische Daten

American Jesus 1 – Der Auserwählte
Panini, 2020
Text: Mark Millar
Zeichnungen: Peter Gross
Übersetzung: Bernd Kronsbein
100 Seiten, Farbe, Softcover
Preis: 15,00 Euro
ISBN: 978-3741619458

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